Christen Online
Lauterbach, 22. Dezember 2009 veröffentlicht - im Jahr
2008 wurde diese Frage gestellt, Wolfgang Bastian.
Frage von Jasminka Mujanic an Anka Bastian
Vor einiger Zeit haben zwei Deutsche auf einem Parkplatz im
Raum Zürich eine "Selbsttötung" vorgenommen. Geholfen hat
ihnen dabei der Sterbehilfeverein „Dignitas“. Was halten Sie
von dieser organisierten Selbsttötung?
Meine Antwort hierzu, die aber nicht für sich in Anspruch
nehmen kann, allgemeingültig zu sein. Diese Antwort verbunden
mit Überlegungen können auch meinerseits beschränkt sein. Sie
gibt meine persönliche, dem Irrtum unterliegende Meinung
wieder.
Wenn es um die Fragen menschenlichen Sterbens
geht, gibt es für mich keine einfachen Lösungen. Im Interesse
eines schwerkranken Menschen muss eine Diskussion
geführt werden, die sich um eine ethische
Grundorientierung bemüht. Dabei spielen die
widersprüchlichen Erwartungshaltungen gegenüber der Medizin
eine wichtige Rolle. Ärzte und ihre Standesvertreter,
sowie die Pharmaindustrie heizen diese Erwartungshaltungen
immer wieder neu an. Auf der einen Seite werden auf die
Entwicklung der Medizin geradezu messianische Hoffnungen
gesetzt, wie sich anhand der Transplantationsmedizin oder der
genetischen Medizin feststellen lässt. Auf der anderen Seite
wird in der Sterbe-Debatte die Angst sichtbar, der todkranke
Mensch sei der Medizin als Objekt völlig ausgeliefert.
Zunehmend an Gewicht gewonnen hat – zu Recht – auch der
Grundsatz der Selbstbestimmung, aber auch der
Selbstverantwortung wird heute sozial und rechtlich eine
grosse Bedeutung beigemessen.
Ich persönlich lehne eine Ideologie ab, die menschliches
Leben nach seiner Leistungsfähigkeit und seiner
(ökonomischen) Nützlichkeit und Verwertbarkeit beurteilt. Der
Wert, die Würde und die Unantastbarkeit eines jeden Menschen,
gerade auch des kranken, verletzten und behinderten Menschen,
ist aus meiner persönlichen, christlichen Sichtweise zu
betonen. Lebensqualität kann ein Mensch nicht bloss als
aktives, sondern auch als leidendes Wesen erfahren. Dabei
will ich nicht bestreiten, dass das Leiden von Menschen
mitunter unerträgliche Ausmasse annehmen und kaum gelindert
werden kann. Dennoch sind Krankheit, Sterben und Tod Teil des
ganzen menschlichen Lebens. Dies ist eine Herausforderung und
Verpflichtung, Leiden - dort, wo es möglich ist - zu
verhindern oder zu lindern sowie den Betroffenen beizustehen
und sie zu begleiten.
Eine Sterbehilfe wirft Fragen auf, die ich
allgemeingültig nicht beantworten kann. Zu Bedenken ist
hierbei, weil das Sterben in den Bereich der
Machbarkeit rückt und dadurch der gesellschaftlichen Tendenz
zur Unterscheidung von wertem und unwertem Leben Vorschub
leistet. Eine solche Unterscheidung kann letztendlich in
ihrer Konsequenz nur zur Entsolidarisierung führen, weil der
gesellschaftliche Druck auf unheilbar Kranke, Behinderte und
alte Menschen wächst. Aus denselben Gründen lehne ich auch
die Beihilfe zur Selbsttöttung.
Der Verzicht auf lebensverlängernde Massnahmen, die passive
Sterbehilfe, ist jedoch unter bestimmten Bedingungen sinnvoll
und notwendig. Immer mehr Menschen bekunden mit einer
Patientenverfügung ihren Willen, bei aussichtsloser Prognose
oder im Endstadium einer Krankheit auf alle
lebensverlängernden Massnahmen zu verzichten. Gleichzeitig
halten sie darin den Wunsch fest, dass nach den Regeln der
palliativen Medizin, Pflege und Begleitung alles unternommen
werden soll, um belastende Symptome wie Schmerzen oder
Atemnot zu lindern. Für die Förderung der palliativen Medizin
setze auch ich mich sehr stark ein. Die palliative Medizin
ist aus meiner Sicht die geeignetste Methode, um schwer- oder
todkranken Menschen ihr Leben und Sterben auf eine
menschenwürdige Weise erträglich zu machen. Leider zögern
deutsche Ärzte, Krankenhäuser und dazugehörige
Einrichtungen immer noch, die Schmerzmittel einzusetzen,
die notwendig sind, um ein würdevolles, schmerzfreies Sterben
zu lassen. Die Mittel sind da! Die Verantwortlichen in der
Politk, in den Parteien, in den Kirchen sind daran nicht
unschuldig!